Kleine Profis – große Träume

 

Ingolstadt (DK) Die Erfolge des deutschen Turners Marcel Nguyen bei den olympischen Spielen 2012 in London sind noch nicht vergessen. Auch nicht in der Turnhochburg der Region – dem TSV Gaimersheim. Dessen Damenmannschaft tritt in der Regionalliga Süd an, hat aber durchaus mehr vor.


 

Ingolstadt: Kleine Profis – große Träume
Gleichgewicht, Konzentration und Gymnastik bestimmen die Übungen auf dem Schwebebalken. Laura Lindner (14) macht es vor.

Die Gaimersheimer Schulsporthalle ist gut gefüllt. An die 20 Mädchen wärmen sich unter der Aufsicht ihrer Trainerinnen auf. Eine Gruppe junger Turnerinnen läuft auf einer Mattenbahn im Gänsemarsch auf und ab. Eine Bahn auf Zehenspitzen, den ganzen Körper unter Spannung, die nächste Bahn mit Sprüngen. „Wir beginnen jedes Training mit intensivem Aufwärmen, um die Verletzungsgefahr so gering wie möglich zu halten“, sagt Andrea Meier, Trainerin und gleichzeitig Abteilungsleiterin der Turner vom TSV Gaimersheim. Sie ist eine von sechs Trainerinnen, die die Regionalliga-Mannschaft der Damen – mit Turnerinnen im Alter von 14 bis 25 Jahren – betreuen. Überhaupt fällt die große Anzahl an Übungsleiterinnen in der Halle sofort auf. „Normal ist bei uns ein Trainer für fünf Mädchen verantwortlich. Anders kommt man aber auch nicht voran“, erklärt Maier, die selbst ihre Kindheit als Turnerin in der Halle verbracht hat.

Der Ehrgeiz ist groß. Drei- bis viermal in der Woche kommen die Mädchen zum Training – je nachdem wie es die Schule zulässt. Der Samstag ist jedoch Pflicht. Dann machen sich die Turnerinnen des TSV Gaimersheim auf den Weg ins rund 50 Kilometer entfernte Monheim zum Kunstturnzentrum. „Dort haben wir hervorragende Trainingsbedingungen“, schwärmt Meier. In der Turnhalle des TSV Mohnhein müssen die Geräte nicht erst mühsam auf- und abgebaut werden, außerdem stehen einige Besonderheiten zur Verfügung. „In der sogenannten Schnitzelgrube können die Mädchen ohne Verletzungsrisiko jeden Sprung ausprobieren“, erklärt Meier die Grube, die mit Schaumstoffteilen gefüllt ist.

Der Trainingsaufwand ist auch nötig, denn bis eine Übung wirklich perfekt und fehlerfrei geturnt werden kann, vergeht circa ein Jahr. Deshalb versuchen die Trainerinnen und Trainer auch so früh wie möglich, den Nachwuchs an das geforderte Niveau heranzuführen. Sophia Gah (11 Jahre) und Annika Wagner (12) dürfen bereits bei der Regionalliga-Mannschaft mittrainieren. Bei ihnen ist der Ehrgeiz besonders groß. Kein Training verpassen die beiden, denn sie haben ein Ziel: „Irgendwann wollen wir mit den Großen auch mal zu Wettkämpfen fahren“, sagt Sophia. „Das wird aber noch ein bis zwei Jahre dauern“, ergänzt ihre Trainerin sofort. Bis dahin müssen die beiden zierlichen Mädchen noch einiges an Ausdauer und Fleiß beweisen.

Die elf Turnerinnen der Regionalliga-Mannschaft befinden sich gerade in der heißen Vorbereitungsphase zum Start in die neue Saison. Am 13. Oktober findet der erste Wettkampf beim TSV Berkheim statt. An vier Wettkampftagen müssen die Gaimersheimer Turnerinnen gegen sechs Mannschaften antreten. Der entscheidende Wettkampf findet am 24. November auf heimischem Hallenboden statt. Die ersten beiden Mannschaften der Tabelle treten dann am 9. Dezember in Heidenheim gegeneinander an. Der Sieger steigt in die 3. Bundesliga auf. Dieser Tag ist das Ziel für die Turnerinnen. „Unsere Ziele sind hoch, aber sonst erreicht man ja nichts“, sagt Andrea Meier, die ebenso ehrgeizig ist wie ihre Mädchen. Einige von ihnen stellen ihre Wettkampfgeräte etwas genauer vor.

Sherin Dawoud (15)

über das Bodenturnen:

„Eine Kür im Bodenturnen besteht aus drei Elementen: den akrobatischen Elementen, den Sprungelementen und einigen Tanzschritten. Jede Turnerin hat ihre eigene Kür, die die Trainer passend zur selbst ausgesuchten Musik zusammenstellen. Danach müssen wir sie so lange einstudieren, bis sie perfekt sitzt. Das Wichtigste dabei ist ein guter Ausdruck und viel Ausdauer. Die braucht man bei einer langen Sprungserie, die man meist am Ende der Kür – quasi als Höhepunkt – vorführt. Da die Kür auf jeden individuell abgestimmt ist, kann man sich immer in seiner Übung wiederfinden, das gefällt mir besonders gut am Bodenturnen.“

Viktoria Köhler (15)

über den Stufenbarren:

„Der Stufenbarren ist eigentlich das Gerät mit dem höchsten Trainingsaufwand. Es dauert lange bis man eine Übung gut turnt. Und weil hier nur die Hände belastet werden, kann man am Stufenbarren auch nicht so lange trainieren. Für dieses Gerät brauchen wir viel Kraft, Schnelligkeit und auch Ausdauer. Außerdem kostet es sehr viel Überwindung, beim Abgang einfach loszulassen. Aber das Gefühl, durch die Luft zu fliegen, ist dafür umso besser.“

Nina Forster (15)

über den Sprung:

„Beim Sprung kommt es vor allem auf die richtige Technik an. Wenn die nicht stimmt, funktioniert der ganze Sprung nicht. Die Landung ist dabei das Schwierigste. Zunächst üben wir diese, indem wir aus dem Stand auf eine Matte springen. Das machen wir ganz oft hintereinander. Während des Sprungs am Sprungpferd muss man dann aktiv an die Landung denken, damit alles klappt und man sich nicht verletzt.“ Ihrer Trainingspartnerin Alexandra Bonack (16) gefällt bei der Disziplin Sprung, dass die Übung relativ schnell vorbei ist. „Das ist nicht so ein Zittergerät wie der Schwebebalken. Man macht einen Sprung, also: Zack. Bumm. Und fertig.“

Laura Lindner (14)

über den Schwebebalken:

„Eigentlich sieht man die Schwierigkeit des Schwebebalkens sofort. Er ist dünn, hoch und lang. Aber wir fangen natürlich nicht gleich bei der Wettkampfhöhe von 1,20 Metern an. Wenn wir neue Figuren einstudieren, steigern wir uns von einem Balken, der nur knapp über dem Boden liegt, über einen mittelhohen Balken bis zu den 1,20 Meter. Und es liegen immer viele Matten neben dem Balken, falls doch jemand herunterfällt. Beim Schwebebalken ist eher Gymnastik als Kraft oder Schnelligkeit gefragt, deshalb fällt es manchen vielleicht sogar leichter.“


Von Marion Hederer

 

Donaukurier vom 29.09.2012